BING-HORTON-KOPFSCHMERZ
chronischer, episodischer Bing-Horton-Kopfschmerz

Modifizierter und aktualisierter Beitrag aus dem Buch "Ambulante und stationäre Therapie chronischer Schmerzen", herausgegeben von R. Le eser, ärztlicher Direktor der Bad Mergentheimer Schmerzkliniken. Enke Verlag Stuttgart (Nov. 1995, 2. Auflage), ISBN 3-432-9932-1 * (Beurteilung im Deutschen Ärzteblatt, Heft 27, 5.7.1996: Ausgereiftes Handbuch der Schmerztherapie mit einem vorzüglichen pharmakologischen Überblick).

Der BING-HORTON-KOPFSCHMERZ, auch als Histaminkopfschmerz bezeichnet, kommt selten vor, betroffen sind etwa ein Prozent der Bevölkerung.

Der Bing-Horton-Kopfschmerz tritt etwa 10 mal seltener als die Migräne auf. Männer sind viel häufiger betroffen als Frauen (im Verhältnis 3:1). Die Schmerzkrankheit beginnt in der Regel im mittleren und höheren Lebensalter. Bei 20 % der Patienten finden sich andere Kopfschmerzanfälle in der Familie, bei 7% der Fälle leiden Familienangehörige ebenfalls unter einem Bing-Horton-Kopfschmerz.
Die Ätiologie
(= Krankhei tsursache) ist unbekannt. Es wird eine Störung im Hypothalamus (= Teil des Zwischenhirns) vermutet (Mumenthaler 2002). Es gibt Hinweise darauf, daß eine biologische Rhythmusstörung vorliegt, die sich in einer gehäuften Frequenz von Bing-Horton-Kopfschmerz -Episoden im Frühjahr und Herbst zeigt. Auch ist die zirkadiane (= den 24 Stunden Rhythmus betreffende) Hormonausschüttung gestört.His tamin (= ein biogenes Amin, das allergische Entzündungen fördert) scheint dabei eine bedeutende Rolle zu spielen, deshalb auch die Bezeichnung "Histaminkopfschmerz".

Der Bing-Horton-Kopfschmerz tritt hpts. in zwei Formen auf:

  1. Episodischer Bing-Horton-Kopfschmerz, gekennzeichnet durch den Wechsel von Perioden mit Schmerzattacken und beschwerdefreien Phasen und
  2. Chronischer Bing-Horton - Kopfschmerz: die kopfschmerzfreien Intervalle sind stets kürzer als zwei Wochen

Hauptsymptom (= im Vordergrund stehendes Kran kheitszeichen) beim Bing-Horton-Kopfschmerz ist ein streng einseitig, in aller Regel periorbital (= um das Auge herum) oder frontotemporal (= Stirn - / Schläfenbereich) und vorwiegend nachts auftretende Kopfschmerzattacken von unerträglicher Intensität und einer durchschnittlichen Dauer bis zu wenigen Stunden. Überwiegend wird der Schmerz charakter mit bohrend oder brennend angegeben. Typischerweise, jedoch nicht obligat (= zwingend), kommt es zu Tränenfluß und konjunktivaler Injektion (= Rötung des Auges), evtl. begleitet von Miosis (= Engstellung der Pupille) und Ptosis (partielles Horner-Synd rom) (= Verengung der Lidspalte) und Rhinorrhoe (= Nase nträufeln) als Begleitsymptome.
Manchmal treten auch Übelkeit und Brechreiz auf, was zu Verwechslungen mit der Migräne führen kann.
Im Gegensatz zu Migränepatienten sind Patienten mit Bing-Horton-
Kopfschmerz (chronischer und episodischer) eher motorisch unruhig und laufen während der Schmerzattacke umher; ihr Ruhebedürfnis ist weniger ausgeprägt als bei Migränikern. Der einschießende Schmerzcharakter und die extreme Schmerz intensität können zur Verwechslung mit der Trigeminusneuralgie Anlaß geben. Triggermechanismen können vorhanden sein, so z.B. Flimmer- und Flackerlicht, Aufenthalt in großen Höhen, His tamin und Nitroglyzerin, öfters aber auch Alkohol (Soyka 1989). Nitroglyzerin (in Form von Nitratpflaster) verwenden wir deshalb regelmäßig als Provokationstest, um die Stabilität eines Behandlungserfolges einschätzen zu können. Bezüglich der Pathogenese (= Kran kheitsentwicklung) scheint dem His tamin eine besondere Rolle zuzufallen.

Therapie bei Bing-Horton-Kopfschmerz (chronischer und episodischer):
Ein statistischer Erfolgsvergleich unterschiedlicher Therapiemaßnahmen wird durch die Tatsache erschwert, daß ein episodischer Bing-Horton-Kopfschmerz schubartig verläuft, d.h. monatelange, in Ausnahmefällen sogar jahrelange schmerzfreie Intervalle kennzeichnen diese Kopfschmerzform. Ein chronischer Bing-Horton-Kopfschmerz kommt eher seltener vor.

Wie bei den anderen primären Cephalgien ist es auch beim Bing-Horton-Kopfschmerz oftmals erforderlich, die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten nacheinander auszutesten, um die optimale herauszufinden.

Therapie der akuten Bing-Horton-Kopfschmerz -At tacke:
Wegen der häufig kurzzeitigen Attackendauer kommen meist nur solche Methoden zur Anwendung, die innerhalb weniger Minuten wirken können. Orale
(= Tabletten, Tropfen) und rektale (= Zäpfchen) Applikation von z.B. Ergotamin ist daher nur bei längerer Anfallsdauer sinnvoll.
Die Inhalation von reinem Sauerstoff über Maske ist eine bewährte Methode zur Kupierung des Anfalls. Die Verabreichung über eine Nasensonde ist meist nicht ausreichend. Diese Methode hat den Vorteil, daß entsprechende Geräte zum häuslichen Gebrauch auf Kosten der Krankenkassen verordnet werden können.
Im Gegensatz zur akuten Migräneattacke spricht der akute Bing-Horton-Kopfschmerz in der Regel auf eine therapeutische Lokalanästhesie
(= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) an. Bewährt hat sich die Blockade der schmerzseitigen Nerven supraorbitalis (ca. 1 ml), supratrochlearis (ca. 0,5ml), jeweils am zugehörigen Austrittspunkt, und die großzügige flächenhafte Infiltration des dominanten Schmerzareals im St irn- /Schläfenbereich. Der Supraorbitalnerv (in der Augenbraue) kann auch kontinuierlich mit Katheter (* siehe unten) betäubt werden. Bei Schmerzausstrahlungen in den Oberkiefer muß der N. infraorbitalis ebenfalls blockiert werden (1-2ml). Das Lokalanästhetikum (= örtliches Betäubungsmittel) der ersten Wahl ist bei uns Bupivacain 0,5%. In hartnäckigen Fällen führen wir diese Behandlung mit gutem Erfolg konsequent 2 bis 3 mal täglich durch, auch an Wochenenden, was jedoch nur unter stationären Bedingungen durchführbar ist.
Die Neurologen Goadsby u. Cohen (Neues zur Pathophysiologie und Therapie der trigeminoautonomen Kopfschmerzsyndrome - Der Schmerz, 22, Supplem. 1, Februar 2008, Springerverlag) empfehlen generell die Infiltration des gleichseitigen Okzipitalnerven, offensichtlich auch zur Prophylaxe.
Wiederholte Blockaden des Ganglion stellatum
(= vegetative Schaltstelle im seitlichen Halsbereich) bzw. auch des Ganglion cervicale superius (= vegetative Schaltstelle im Rachenbereich) mit einem lang wirkenden Lokalanästhetikum können ebenfalls sehr hilfreich sein.
Empfohlen wird auch eine nasale
(= in die Nase) Instillation von 1 ml 4%iges Lidocain bei 45 Grad rekliniertem und 30-40 Grad zur betroffenen Seite rotiertem Kopf (Pfaffenrath 1988).
Wirksam ist beim Bing-Horton-Kopfschmerz auch Ergotam in. Nachteilig ist, daß sich bei häufigem Gebrauch ein ergotaminbedingter Dauerkopfschmerz ausbilden kann. Wegen des schnellen Wirkungseintrittes kann auch Dihydroergotamin i.m. (i.v.) gegeben werden (1-2mg), evtl. kombiniert mit 1g Metamizol.
Das Migränemittel Sumatriptan ((aber auch Zolmitriptan, Naratriptan (Formigran® rezeptfrei), Rizatriptan, Almotriptan, Frovatriptan und Eletriptan), ist auch beim Bing-Horton-Kopfschmerz (chronischer und episodischer) sehr wirksam, insbesondere zur Beschleunigung der Resorption
(= Aufnahme in den Organismus) unter die Haut gespritzt (6 mg) (auch mit Autoinjektor vom Patienten selbst injizierbar) oder auch als Nasenspray, ansonsten 100mg oral (= durch den Mu nd). Bei Wiederauftreten von Schmerzen maximal zwei Applikationen (= Verabreichungen) in 24 Std. Häufiger wurde über ernstzunehmende Nebenwirkungen berichtet, auch in den Medien. Bei Beachtung der Anwendungsbeschränkungen kann das Verhältnis von Wirksamkeit und Verträglichkeit jedoch als günstig angesehen werden (Tfelt-Hansen 1993). Wegen des relativ hohen Preises dürfte Sumatriptan (gilt für alle Triptane) allerdings erst dann zum Einsatz kommen, wenn andere Maßnahmen nicht den gewünschten Erfolg bringen.

Prophylaxe (= Vorbeugung) beim Bing-Horton-Kopfschmerz (chronischer und episodischer):
Als Mittel der Wahl gilt der Calcium-Antagonist Verapamil
(= eigentlich ein Mittel gegen hohen Blutdruck, aber auch beim Bing-Horton-Kopfschmerz wirksam). Dosierung: bis zu 3-4x 80 mg pro Tag, in der ersten Woche einschleichend. Der Wirkungsmechanismus von Verapamil bei Bing-Horton-Kopfschmerz ist unbekannt.

In hartnäckigen Fällen wird Verapamil bei Bing-Horton-Kopfschmerz mit gutem Erfolg sehr viel höher dosiert: bis 500 mg/Tag (und mehr), initial unter ständiger RR- und Pulskontrolle.
Als Mittel der 2. Wahl kann beim Bing-Horton-Kopfschmerz Lithium (= eigentlich ein Mittel gegen die Depression, aber auch zur Vorbeugung beim Bing-Horton-Kopfschmerz wirksam) empfohlen werden. Lithium soll bereits unterhalb des empfohlenen Serumspiegels beim Bing-Horton-Kopfschmerz wirksam sein.
In hartnäckigen Fällen und unter strenger Abschätzung des therapeutischen Risikos im Verhältnis zu einem möglichen Nutzen, kann eine Kortikoid-Behandlung versucht werden, z.B. mit Prednisolon. Empfohlene Dosierung: 1-4. Tag 80mg, 5- 8 Tag 70mg, dann jeweils nach 4 Tagen die Dosierung um weitere 10mg reduzieren.
Der Serotonin-Antagonist Methysergid kann auch zur Bing-Horton-Kopfschmerz-Prophylaxe verwendet werden. Teilweise wird empfohlen, Schmerzprophylaxe regelmäßig täglich Ergotam
in zu verabreichen. Wegen der Gewöhnungsgefahr und der hohen Wahrscheinlichkeit, damit den gefürchteten Ergotamin-Kopfschmerz zu induzieren, muß davor dringend gewarnt werden.
Zur Prophylaxe bei Bing-Horton-Kopfschmerz hat sich nach unserer Erfahrung auch die wiederholte therapeutische Lokalanästhesie
(= Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel) wie bei der Akutbehandlung sehr bewährt. Manchmal werden auch in der ipsilateralen (= gleichseitigen) Okzipitalregion (= Hinterkopf) Schmerzen angegeben; in diesem Fall blockieren wir dann auch die Nerven occipitales major et minor. Optimal ist diese Schmerzbehandlung unter stationären Bedingungen, weil dann diese Therapie konsequent 2x täglich, auch an Wochenenden, über einen Zeitraum von 2-3 Wochen durchgeführt werden kann. Unter dieser Behandlung fallen in der Regel die Schmerzattacken zunehmend milder aus, um im Idealfalle allmählich zu sistieren (= wegzubleiben).

Nichtmedikamentöse Maßnahmenn beim Bing-Horton-Kopfschmerz (chronischer und episodischer):
Anders als z.B. bei der Migräne spielen beim Bing-Horton-Kopfschmerz psychische Faktoren eine eher untergeordnete Rolle, so daß diesbezüglich nur allgemeine Maßnahmen empfohlen werden können, so z.B. ein Schmerzbewältigungstraining.
Transkutane Nervenstimulationen mittels Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden haben beim
Bing-Horton-Kopfschmerz nur selten einen positiven Effekt.

* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade eines Nerven mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an den betroffenen Ner ven eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittels durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden.

Wer bezahlt eigentlich eine erforderliche, stationäre Rehabilitationsbehandlung?
(Originaltext der Bundesregierung): "Die Krankenversicherung finanziert Rehabilitationsleistungen, wenn diese erforderlich sind, um eine Kran
kheit zu erkennen, zu heilen, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder Beschwerden zu lindern, sofern die Erwerbsfähigkeit nicht erheblich gefährdet oder gemindert ist. Sie ist auch zuständig, wenn es darum geht, einer drohenden Behinderung oder Pflegebedürftigkeit vorzubeugen". Hinzu kommt seit dem 1.4.2007, daß laut Bundesministerium für Gesundheit alle gesetzlich versicherte Personen einen Rechtsanspruch auf eine Rehabilitation haben und sich ihre Rehabilitationseinrichtung jetzt sogar selbst auswählen können. Zu diesem "Wahlrecht" gibt es ein sehr deutliches Schreiben des Bundesgesundheitsministeriums an die Sozialministerien der Länder als Aufsichtsbehörde der gesetzlichen Krankenkassen.


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Aktualisiert: >10.02.2008</> kusb&
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